Massentötungen: Der Wolf nimmt, was er kriegt, weil er so programmiert ist


A recent wolf attack in Switzerland, where a single wolf killed numerous sheep, raises questions about wolf behavior and the human-wildlife conflict.
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Massentötungen: Der Wolf nimmt, was er kriegt, weil er so programmiert ist

Jüngst hat ein Wolf im Engadin in einer Herde von Schafen 37 Tiere auf einmal gerissen. Warum reicht ihm nicht ein einziges Schaf? Ist es die Lust am Töten? Oder hat der Mensch den Wolf noch nicht begriffen?

Fressen nach Plan: In der Regel öffnet ein Wolf zunächst die Bauchhöhle seines Opfers, verzehrt die inneren Organe und erst dann das Muskelfleisch. AB Photography / Getty

Noch lebt der Wolf, der im August im Fextal eine Schafherde angriff und das ganze Land aufwühlte. Nur wie lange noch? Denn der Wolf ist selbst zum Gejagten geworden, für sechzig Tage wurde das geschützte Raubtier zum Abschuss freigegeben.

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Am 21. August hatte er auf der Alp Muot Selvas im Oberengadin 51 Schafe angegriffen und 11 davon direkt gerissen. 26 Schafe wurden bei dem Angriff so schwer verletzt, dass sie getötet werden mussten. Der Bündner Leiter des Amtes für Jagd und Fischerei sprach von einem «Grossereignis». Was bringt einen Wolf dazu, so viele Schafe zu attackieren. Lust am Töten? Warum reicht ihm nicht ein einziges Schaf?

Konstantin Börner kennt solche «Grossereignisse» aus eigener Erfahrung. Der Zoologe arbeitet beim Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, zudem ist er Jäger und Waldbesitzer. Schon mehrfach hat er Angriffe von Wölfen auf Schafe begutachtet, die man als Massaker bezeichnen kann.

Attacken von Wölfen auf Schafherden seien für das Raubtier eine künstliche Situation, bei der plötzlich Dutzende Beutetiere am selben Ort und zur selben Zeit zur Verfügung stünden, sagt Börner. Besonders für Wölfe, die alleine leben, sind solche Nutztiere auf der Weide leichte Opfer, wenn auch keine bevorzugte Beute.

Wie jeder Predator habe ein Wolf Suchbilder im Kopf, mit denen er durch seine Streifgebiete ziehe. Spüre er ein Beutetier auf, laufe im Kopf eine Verhaltenskaskade ab, sagt Börner. Ein wehrloses Schaf kommt nicht weit; läuft es weg, löst es einen starken Schlüsselreiz im Wolf aus. Dann attackiert der Wolf das Schaf und versucht es mit einem kräftigen Biss an der Kehle schnell zu töten.

Fliehen weitere Schafe, beginnt die Kaskade beim Wolf von Neuem, ein Mechanismus in Endlosschleife wird ausgelöst. Er tötet instinktiv weiter und überlegt nicht, ob die Beute reicht, um satt zu werden. Er reisst, weil er so programmiert ist – und weil der Jagderfolg über sein Überleben entscheidet. So komme es zu Tötungen, die einen Wolf zu Unrecht wie ein blutrünstiges, nimmersattes Monster aussehen liessen, das Lust am Töten verspüre, so Börner. Wobei der Fachmann einschränkt, dass nicht jeder Wolf Schafe auf Weiden angreife.

Fleischfresser und sehr anpassungsfähig

In einer natürlichen Umgebung ohne Nutztiere zeigt der Wolf hingegen ein anderes Jagdverhalten. Alleine kann er schlecht überleben, denn er jagt auch Tiere, die wesentlich grösser und schwerer sind als er. Für die Jagd sind die Wölfe im Rudel organisiert. Das – sowie die Welpenaufzucht – ist der Grund, warum er ein ausgeprägtes Sozialverhalten wie der Mensch zeigt.

«Die Jagd des Wolfs ist immer an die vorhandenen Beutetiere im Verbreitungsgebiet angepasst», sagt Börner. In den Alpen frisst er am liebsten Hirsche, Rehe, Wildschweine und Gemsen, er jagt aber auch kleine Säugetiere wie Hasen und Murmeltiere und sagt auch zu Mäusen, Fischen, Vögeln oder Früchten nicht Nein.

Wölfe streifen meist in der Nacht oder in der Dämmerung durch ihre Gebiete, mitunter legen sie Dutzende Kilometer zurück. Wie genau sie jagen und ihre bevorzugte Beute aufspüren, ist bisher nur selten beobachtet worden. «Noch seltener gelingt es, die Jagd und Tötung eines grösseren Beutetiers im Detail zu beobachten», sagt Börner.

Dass Wölfe hauptsächlich Fährten aufnehmen und ihnen folgen, wie bis heute oft angenommen wird, ist eher die Ausnahme. Vielmehr riechen sie Beutetiere, teilweise über Kilometer entfernt. Haben sie diese einmal aufgespürt, lauern sie ihnen auf und schleichen sich an sie heran, um sie zu überraschen. Rehe werden vor allem auf diese Weise erbeutet. Wölfe können die Beute aber auch kilometerweit hetzen, um sie zu erschöpfen.

Grössere Tiere wie Elche im Norden Europas können Wölfe nur im Team erbeuten. Bei einer solchen Jagd übernehmen die Wölfe unterschiedliche Funktionen. Besonders wichtig sind die dominanten Wölfe, die mit ihrer Erfahrung die Beute riechen, aufspüren und in bestimmte Bereiche zu lenken versuchen, wo der Angriff chancenreich ist. Meistens gehen Wölfe im Kampf gegen grosse Tiere leer aus. Dafür verschlingen sie im Erfolgsfall kiloweise Fleisch auf einmal; in der Regel öffnen sie zunächst die Bauchhöhle, fressen die inneren Organe und erst dann das Muskelfleisch.

Weil der Jagderfolg über das Überleben der Wölfe entscheidet, machen sie bevorzugt auf schwache, alte oder kranke Tiere Jagd. Damit schonen sie ihre Energiereserven, beugen Verletzungen vor – und erfüllen nebenbei eine wichtige ökologische Funktion: Sie halten die Wildbestände gesund. Zudem helfen die Top-Prädatoren dem Wald, sich zu verjüngen. Denn zu viele Rehe oder Hirsche führen zu Wildverbiss an jungen Bäumen und Trieben.

Trotzdem stehen sich Freunde und Feinde des Raubtiers zunehmend unversöhnlich gegenüber. Das Herdenschutzkonzept, das diesen Konflikt lösen sollte, hat im Fextal kolossal versagt. Zäune allein halten Wölfe nicht davon ab, Nutztiere zu reissen. «Einen Königsweg gibt es nicht», sagt Konstantin Börner. Neue Ideen müssen her.

Der Umgang mit Geparden wäre ein Vorbild

Eine wäre, von Afrika zu lernen. In den weitläufigen Savannen stehen Viehhalter und Tierschützer vor ähnlichen Problemen wie in Mitteleuropa. Grosse Raubtiere wie Geparde und Löwen bedrohen Rinder und Schafe. Wie man den Konflikt lösen kann, daran forscht Börners Kollege Jörg Melzheimer seit zwanzig Jahren.

Eine Grundvoraussetzung sei die gründliche Erforschung des Verhaltens der Raubtiere, sagt Melzheimer. In Namibia wurden 300 Geparde mit Sendern ausgestattet, um ihr Jagdverhalten und ihren Bewegungsradius zu studieren. So fand er heraus, dass sie bestimmte Bäume aufsuchen, an denen sie Duftmarken hinterlassen. Diese Orte dienten den Tieren als Kommunikationsort – das sei wie ein Szene-Klub –, an dem sich alle Geparde regelmässig tummelten, sagt Melzheimer.

Als die Forscher diese Orte in Namibia identifiziert hatten, war der Ratschlag an die Viehhalter einfach: Haltet euch von diesen Bäumen fern. Zudem geben sie den Aufenthalt der Geparde an die Farmer weiter, um sie vor den Raubtieren zu warnen. Die Massnahme zeigt Wirkung: Siedeln Farmer ihre Rinder um, verlieren sie kaum noch Kälber. Ein ähnliches Vorwarnsystem existiert auch bei Löwen. «Die Geparde sind deutlich besser untersucht als die Wölfe Europas», sagt Melzheimer.

Um dieses Problem zu lösen, müsse der Staat Geld in die Hand nehmen, fordert Melzheimer. Man müsse sehr viele Wölfe mit Sendern versehen und endlich Langzeitforschung betreiben. Nur so liessen sich Aktionsradius und Jagdverhalten besser verstehen und mögliche Strategien ableiten, um Nutztiere besser zu schützen. Graubünden ist zwar europaweiter Vorreiter bei der Besenderung von Wölfen, aber noch streifen viel zu wenige Tiere mit GPS-Sender herum, um daraus sinnvolle Massnahmen abzuleiten, die Wölfen wie Viehhaltern helfen könnten.

Zudem empfiehlt Jörg Melzheimer eine weitere, wenn auch simple Strategie, die in Afrika viel besser funktioniere als hierzulande: miteinander reden. In Europa sei die Debatte hochemotional und stark polarisiert. «Was fehlt, sind Brückenbauer», sagt der Fachmann. Daher sollten alle Akteure an einen Tisch, alle Argumente würden gehört. Und am Ende stünde dann ein Kompromiss.

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